01. Seoul Insadong, 2017

Das Jahr 2017

by Siesta

(Vorbemerkung des Autors )


Diese Erzählung basiert auf wahren Begebenheiten. Dennoch wurden alle Ortsnamen und Personen für den Verlauf der Geschichte neu gestaltet und sind fiktiv.


Ich verspüre eine tiefe Sehnsucht nach meiner Mutter und den Geschichten, die sie mir von ihrer Kindheit erzählte.

Ich widme dieses Werk meiner Mutter.


Seoul, Insadong, 2017

Daniel von Klitzing, der seit über 20 Jahren erfolgreich Geschäfte in Deutschland führt, ist der Sohn einer Koreanerin und eines deutschen Unternehmers. Er übernahm das Chemiegeschäft seines Vaters und baute es zu einem der bedeutendsten Unternehmen der Branche in Deutschland aus.

Mit fast 50 Jahren verkörperte Daniel sowohl die Züge eines typischen deutschen Edelmanns als auch die Würde eines koreanischen Mannes mittleren Alters. Er war ein Mann von exotischer Eleganz, dessen Gesichtszüge Menschen aller Kulturen und Herkunft sofort ins Auge fielen.

Jedes Jahr im März, wenn der Frühling in Korea Einzug hält, besucht Daniel den Stadtteil Insadong in Seoul. Dort taucht er in die Galerien ein, die er als Kind oft mit seiner Mutter, einer Bildhauerin, besucht hatte, und verliert sich in den Erinnerungen an sie. Inmitten der Menschenmassen schlendert er von Galerie zu Galerie, sucht gezielt jene kleinen Ausstellungsräume auf, in denen seine Mutter einst ihre Werke präsentierte, und erwirbt dort ausgestellte Kunstwerke. Dies ist der eigentliche Grund für seine alljährliche Frühlingsreise nach Korea.

Es ist bereits 40 Jahre her, dass seine Mutter verstarb. In dem Jahr, als Daniel gerade sieben Jahre alt wurde, erlag sie einer Leukämieerkrankung und verließ diese Welt. Daniels Erinnerungen an Korea bestehen fast ausschließlich aus den wunderschönen Gesichtern junger Mädchen, die seine Mutter geformt hatte, und den gemeinsamen Spaziergängen durch Insadong.

Sein Vater Hans heiratete später eine junge Spanierin, mit der er zwei weitere Kinder hat. Doch mit diesen jüngeren Geschwistern teilt Daniel keinerlei Erinnerungen an Korea. So ist seine einzige Verbindung zu diesem Land der alljährliche Gang durch Insadong, bei dem er die Werke unbekannter Künstler kauft, als würde er damit nach der Seele seiner Mutter suchen.

Auch in diesem Jahr durchkämmte Daniel die Gassen von Insadong wie ein Kind, das seine Mutter sucht, und betrachtete aufmerksam die Kunstwerke. Jeden Schritt setzte er behutsam, als wollte er das letzte Ende der verblassten Erinnerungen an sie greifen und ihre Hand in der seinen spüren. Da die Erinnerungen so weit zurücklagen, war er sich oft nicht mehr sicher, ob es reale Erlebnisse waren oder nur Gespinste seiner Fantasie.

"Mutti, ich habe Hunger." "Daniel, hast du schon wieder Hunger? Soll Mama dir ein Hotteok kaufen?"

Die Erinnerung an den Moment, als sie ihm ein warmes Hotteok (gefüllter koreanischer Pfannkuchen) in die Hand drückte, blitzte vor seinem inneren Auge auf. An den Ständen in Insadong herrschte geschäftiges Treiben. Daniel blieb vor einem Stand stehen, der Hotteok verkaufte. Wann immer er hierherkommt, isst er eines, um die Berührung seiner Mutter erneut zu spüren. In diesem Augenblick fühlte er sich ihr wieder nah. Das warme Hotteok in seiner Hand fühlte sich an wie ihre Hand, die er hielt.

Nachdem er es aufgegessen hatte, zog er ein Stofftaschentuch aus seiner Tasche und wischte sich Hände und Mund ab. Daniel war ein europäischer Gentleman, der trotz seines Alters von fast 50 Jahren stets ein klassisches Stofftaschentuch bei sich trug. Sein Vater, der Erstgeborene einer aristokratischen Familie aus Heidelberg, war ein konservativer Mann, der auf europäischen Traditionen beharrte, und so hatten sich diese Gewohnheiten unbewusst auf Daniel übertragen. Als sein Vater sich einst in die koreanische Frau verliebte, musste er sich gegen seine Familie auflehnen und mit ihr in einer winzigen Einzimmerwohnung sein Leben beginnen. Erst nach dem Tod seiner Mutter durfte Daniel den Kontakt zur Familie seines Vaters pflegen.

Unzählige Erinnerungen schossen ihm durch den Kopf, so zahlreich wie die Schilder in den Gassen von Insadong. In diesem Moment fiel sein Blick auf eine Ausstellungstafel:

"Die verborgenen Bilder"

Der Titel der Ausstellung war so ungewöhnlich, dass Daniel die Galerie betrat. Der Eingang war schmal, doch im Inneren öffnete sich ein weitläufiger Raum. Plötzlich verspürte er ein seltsames Schwindelgefühl, als bliebe ihm der Atem weg. Die prachtvollen abstrakten Gemälde, die den Raum füllten, schienen sein gesamtes Verständnis von Zeit und Raum zu erschüttern.

In diesem Moment trat eine junge Frau auf ihn zu, die wie eine Kuratorin wirkte.

"Hi, welcome to our hidden abstract exhibition. Willkommen bei der Ausstellung der verborgenen Bilder."

Als Daniel das Gesicht der Kuratorin sah, drohten ihm die Knie nachzugeben.

"Mutti..."

금요일 연재