Mi hee
Mi-hee wuchs unter der grenzenlosen Liebe und Fürsorge von Herrn Ko zu einem ebenso klugen wie schönen Mädchen heran. Sie beherrschte bereits vier Sprachen fließend und hatte nicht nur die japanischen, deutschen und englischen Werke aus der Sammlung ihres Vaters studiert, sondern auch chinesische Schriften in klassischen Schriftzeichen sowie die alten Bücher Koreas verschlungen.
Ihre einzige Freude lag im Lesen und – eine Gabe, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte – im Schnitzen von Frauengesichtern aus einfachem Brennholz. Dass Mi-hee versuchte, das Antlitz einer Mutter, die sie nie gesehen hatte, in das Holz zu bannen, glich auf unheimliche Weise dem Wesen ihrer Mutter Haruka. Unter den Dienstboten in der Küche wurde deshalb oft getuschelt.
„Wie kann sie ihrer Mutter nur so ähnlich sein? Man sagt ja, Blut sei dicker als Wasser, aber diese Ähnlichkeit ist fast schon unheimlich.“
„Aber sie hat etwas viel Vornehmeres an sich als ihre Mutter. Das muss das Blut der Adligen sein. Wenn sie mich um etwas bittet, schüchtere ich ein, als würde ich Befehle von Herrn Ko persönlich empfangen. In ihren Adern fließt das stolze Blut der Aristokratie. Darin unterscheidet sie sich völlig von Haruka. Haruka war sanftmütig, lächelte immer und erledigte alles schweigend und gewissenhaft.“
„Liegt das wirklich nur am Blut?“
Herr Song, der gerade eine Last Feuerholz herbeigeschleppt hatte, setzte seine Bürde ab und mischte sich ein.
„Was für ein Blut? Es sind die Privilegien, mit denen sie aufwächst. Ein Wort von Mi-hee genügt, und dank der Macht des Herrn bekommt sie alles, was sie begehrt. Gestern Abend hat ihr dieser weißrussische Händler eine große schwarze Süßigkeit gebracht. ‚Schokolade‘ nannten sie das. Mi-hee gab mir ein paar Stücke zum Probieren... Mein Gott, wenn man so ein Zeug essen darf und den ganzen Tag nur in Büchern liest, führt man ein Leben wie ein Gott. Kein Wunder, dass einfaches Volk wie wir vor Ehrfurcht zittert, sobald sie den Mund aufmacht.“
Im Hause von Herrn Ko, einem koreanischen Aristokraten, der mit dem japanischen Imperialismus kollaborierte, verkehrten oft russische Händler, um ihre Waren anzubieten oder Geschenke zu überreichen. Seit der Russischen Revolution von 1917 waren viele antikommunistische Flüchtlinge nach der Niederlage der „Weißen Armee“ gegen die Bolschewiki in die Mandschurei geflohen und arbeiteten dort im Handel, im Export oder als Techniker. Da Wonsan ein internationaler Hafen war, kamen einige von ihnen als Kaufleute dorthin. Mi-hee, die gut Russisch sprach, wurde von diesen Händlern stets mit Geschenken bedacht.
„Hüten Sie Ihre Zunge, Herr Song. ‚Fressen‘ sagen Sie? Was, wenn das jemand hört?“, schimpfte die Köchin Bok-shil, die Mi-hee in der Küche immer die schönsten Holzscheite zum Schnitzen aussuchte.
„Egal, was man ihm gibt, er ist immer wütend“, entgegnete Song verächtlich. „Wenn sie dir Bonbons oder Schokolade gibt, dann iss sie und sei dankbar, statt dich zu beschweren. Wenn du nichts genommen hättest, würde ich ja nichts sagen!“
„Dankbar wofür?“, stieß Song hervor. „Weil ich das Holz schlage, schlafen sie in warmen Zimmern. Weil ich das Dach decke, werden sie nicht nass. Weil ich die ganze Drecksarbeit mache, die sie selbst nicht können, führen sie ein fettes und bequemes Leben. Und obendrein haben sie das Land verraten und uns zu einem Volk ohne Heimat gemacht. Warum sollte ich dankbar sein, wenn ein Adliger so etwas tut? Die Welt ist verrückt geworden, aber ich sage euch: Wenn die kommunistische Revolution, von der ich gehört habe, Korea erreicht und alle Menschen gleich werden, dann ist es aus mit diesen pro-japanischen Adligen. Dann gehört dieser Palast uns allen!“
Die Köchin Bok-shil murmelte trotzig:
„Ich finde es trotzdem erfüllender, die Speisen für den Herrn zuzubereiten. Wenn Leute wie Sie das Sagen hätten und ich für Sie kochen müsste, würde ich eher weglaufen.“
Song schüttelte sich. „Wegen solcher Unwissenheit ist das Land in diesem Zustand...“
„Ach? Wenn man Sie zum Anführer macht, ist man klug, und wenn nicht, dann ist man unwissend?“, konterte Bok-shil lautstark, woraufhin die anderen Dienstmädchen in der Küche zu kichern begannen.
In diesem Moment trat Mi-hee aus dem Arbeitszimmer und ging auf Bok-shil zu, die an der Küchentür stand. Ihr Gang war so elegant und leicht, als würde sie auf Wolken wandeln. Ihr gerader Rücken und ihre stolze Haltung ließen die Umstehenden verstummen.
„Tante Bok-shil, könnten Sie mir ein besonders schönes Stück Holz aussuchen? Ich habe den ganzen Tag gelesen und möchte ein wenig Zeit im Hof verbringen. Wenn Sie mir ein gutes Stück geben, schnitze ich Ihr Gesicht hinein.“
Es war Ende April. Das Gelb der Forsythien verblasste bereits, das verträumte Rosa der Azaleen blühte auf, und die weißen Blütenblätter der Kirschbäume begannen geheimnisvoll wie Schnee zu fallen. Ein milder Frühlingswind wärmte die Stirn, und alles Leben schien sich auf den Sommer vorzubereiten.
Im Hof zu schnitzen und mit jenen zu sprechen, die ihre Mutter gekannt hatten, war für Mi-hee die einzige Art, eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Sie ahnte nicht im Geringsten, dass ihre Mutter Haruka noch lebte – fernab im Süden, in Cheongju. Nur Herr Ko und der Arzt Choi wussten um dieses Geheimnis.
Bok-shil suchte ein festes Stück Eichenholz mit schöner Färbung aus. Beide wussten, dass Eiche zwar schwer zu spalten, aber aufgrund ihrer feinen Maserung und Härte ideal für detaillierte Schnitzereien war. Mit einem engelsgleichen Lächeln nahm Mi-hee das Holz und setzte sich hinter die Plattform für die Tontöpfe (Jangdokdae), dorthin, wo früher ihre Mutter gearbeitet hatte. Sie nahm ihr Werkzeug hervor.
Der weißrussische Händler Dmitri hatte Mi-hees Talent erkannt und ihr ein spezielles Schnitzset aus Solingen besorgt. Mi-hee hütete diese deutschen Werkzeuge, die damals als die besten der Welt galten, wie einen Schatz in einem Ledertuch. Wenn sie zu arbeiten begann, schlichen die Leute um sie herum, als warteten sie darauf, dass ein Zauberer seinen Bann aussprach.
Nach eine Stunde intensiver Arbeit blickte Mi-hee auf. „Tante Bok-shil, darf ich kurz Ihr Kinn berühren?“ Bok-shil trat bereitwillig vor. Sie wusste, dass Mi-hee die Gesichtsform mit den Fingern erfühlen musste, während sie schnitzte. Mi-hee schloss die Augen und ließ ihre Finger über die Kieferlinie gleiten.
„Ah... jetzt verstehe ich. Ihr starker Ausdruck kommt von hier, von dem Muskel, der den Kiefer mit dem Ohr verbindet. Das werde ich besonders betonen.“
Bok-shil lachte. „Habe ich wirklich so einen starken Ausdruck?“ „Ja. Einen sehr starken und guten. Tante, erzählen Sie mir bitte noch einmal, wie meine Mutter aussah.“
Bok-shil sah sie mitleidig an. „Haruka war wunderschön. Sie hatte feine, zierliche Züge. Ihr Gesicht war schmal und zart. Ihre Augen waren klar und lang, ihre Brauen ebenmäßig. Und sie war so geschickt... niemand konnte so gut kochen wie sie. Ach, die Arme, mit nur sechzehn Jahren von uns zu gehen...“
Tränen traten Bok-shil in die Augen, wenn sie an ihre Freundin dachte. Mi-hee hingegen, die keine einzige eigene Erinnerung an das Gesicht ihrer Mutter besaß, zog sich schweigend zurück und arbeitete weiter mit ihrem Solinger Werkzeug am Eichenholz.
Nach einer weiteren Stunde war das Werk vollbracht. „Tante, hier ist es.“
„Um Himmels willen! Wie kann man nur so kunstvoll schnitzen? Das bin ja genau ich!“ Die Dienstboten liefen herbei. „Das ist ja wie Hexerei! Dass ein menschliches Gesicht so aus einem Holzscheit entstehen kann... Es sieht genau aus wie Bok-shil, nur viel schöner!“ „Ja, ja. Das ist es, was man Kunst nennt.“
Alle lachten und freuten sich über das Kunstwerk. Wahre Kunst berührt den Menschen auf tiefste Weise. Sie schenkt Momente von echter Lebendigkeit und bietet eine Art Erlösung.
Während die anderen bewunderten und lachten, beobachtete Herr Song die Szene aus der Ferne und dachte bei sich: Mi-hee, die mit den besten Werkzeugen, dem besten Essen und im besten Haus lebt, ist nichts als der Abfall des Imperialismus und des Kapitalismus. Wenn die kommunistische Revolution die Welt erneuert, werden all ihre Schnitzereien dorthin zurückkehren, wo sie hingehören: als brennender Abfall ins Feuer.