17. Der Fluss des Todes

by 박시룡

Die Vollendung des Lebens, der Anbruch der Auferstehung


Die Grenze zwischen Leben und Tod

Gibt es wirklich eine Grenze zwischen Leben und Tod?
John Bunyan beschrieb in „Die Pilgerreise“ den Tod als einen Fluss.
In Wirklichkeit gibt es jedoch keine solche Grenze.

Der Tod ist lediglich ein biologischer Übergang –
in Gottes Zeitachse ist er ein Übergang
vom Leben ins Leben.

Durch das Kreuz und die Auferstehung
hat Jesus diesen Fluss bereits überquert.
In ihm ist der Tod nicht länger ein Bruch
sondern eine Einladung in die Ewigkeit.


Vor dem Fluss des Todes

kamen Christian und Hopeful endlich
am Fluss des Todes an.
Ein dichter Nebel hing über dem Wasser;
die Wellen waren tief und dunkel.

„Ich ... ich kann nichts sehen ...“
Christians Stimme zitterte.

Hopeful ergriff seine Hand.
„Bruder, der Glaube wird dir Frieden schenken.
Versuche nicht, alleine überzusetzen.
Der Herr selbst wird dich hindurchbringen.“

Das Wasser peitschte heftig,
und spritzte ihnen ins Gesicht.

„Hoffnungsvoll ... Ich versinke!
Meine Sünden ziehen mich nach unten!“

„Deine Sünden sind bereits ans Kreuz genagelt worden.
Heb deine Augen! Schau – dort drüben – sieh das Licht!“

Christian hob den Kopf
und blickte auf das schwache Leuchten hinter dem Nebel.

„Ja ... ich sehe es.
Ich sehe die andere Seite.“

Hand in Hand
kämpften sie sich durch die Wellen.
Der Fluss des Todes konnte sie nicht verschlingen.

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Abbildung 17-1: Christian und Hopeful überqueren den Fluss des Todes


An den Toren der himmlischen Stadt

Ein strahlendes Licht umhüllte die beiden Pilger.
Zwei Engel hießen sie willkommen:

„Hier spielen steile und flache Pfade
spielen keine Rolle mehr –
ihr habt den Körper zurückgelassen.“

Die Pilger erhoben sich mühelos,
als ob ihre Seelen sangen,
und schwebten zu den Toren
der himmlischen Stadt.


Der Tod von Purumi, dem Storch

Immer wenn ich vor dem Fluss des Todes stehe,
denke ich an ein Leben –
Purumi, der Storch.

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Abbildung 17-2: Abschied von Purumi


Purumi wurde im Vogelpark Walsrode in Deutschland geboren
und kam erst spät in seinem Leben nach Korea.
Er war bereits ein alter Storch,
und ich begleitete ihn
durch seine letzten Tage.

Als der Winter immer kälter wurde,
weigerte er sich zu fressen.
Seine Flügel verloren langsam ihre Kraft;
ohne Heizung
konnte er die Kälte nicht ertragen.

Als würde er seine letzte Stunde akzeptieren,
saß er still in einer Ecke,
atmete leise,
und seine Augen schlossen sich.

Ich blieb ohne ein Wort
ohne ein einziges Wort zu sagen.

Purumi war zweiunddreißig –
etwa achtzig in Menschenjahren –
als er diese Welt verließ.

Seine letzten Momente waren friedlich;
in seinen Augen lag keine Angst.
Er kehrte zurück in die Arme der Natur.

Und in diesem Moment verstand ich –
Der Tod ist keine Zerstörung,
sondern Heimkehr.


Die Bedeutung des Todes

Ich frage mich oft:
„Werde ich dem Tod so sanft begegnen können wie Purumi?“
Die Menschen beschäftigen sich damit, wie sie ihr Leben verlängern können,
aber nur wenige wissen, wie man sich auf den Tod vorbereitet.

Aber ein Gläubiger ist anders.
Sich auf den Tod vorzubereiten
bedeutet, seinen Glauben zu vollenden.

Wie der Psalmist bekennt:
„Sie haben keine Schmerzen beim Sterben,
ihre Körper sind fest und stark,
sie sind frei von menschlichen Lasten.“
(Ps. 73,4–5)

Selbst wenn wir in den Fluss des Todes treten,
bleibt Gott an unserer Seite.
Wir überqueren ihn nicht allein.
Die Hoffnung – das heißt Jesus Christus –
überquert ihn mit uns.


Das Gebet eines Pilgers

„Herr,
so wie Purumi seinen letzten Atemzug tat,
möge auch ich ruhig in Deiner Umarmung ruhen.
Lass mich diesen Fluss überqueren
nicht mit Schmerz, sondern mit Frieden,
nicht mit Angst, sondern mit Glauben.
Lass mich Deine Hand sehen
auf der anderen Seite sehen.
Amen.


Jesus reitet auf einem Esel

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Abbildung 17-3: Jesus reitet auf einem Esel


Am Ende des St.-Isidor-Pilgerwegs
stand ich vor der Skulptur
von Jesus, der in Jerusalem einzieht.

Seine Augen waren ruhig,
und doch voller Entschlossenheit.
Die Menge rief:
„Hosanna! Sohn Davids!“
Aber er lächelte nicht.
Er blickte bereits auf das Kreuz.

Jesus ritt nicht auf einem Pferd.
Er ritt auf einem Esel –
dem Symbol des Friedens.

„Wenn du dort einen jungen Esel angebunden findest,
binde ihn los und bring ihn hierher.
Sagt ihnen: Der Herr braucht ihn.“
(Lukas 19,30–31)

Leise fragte ich mich:
„Gibt es noch etwas, das
in meinem eigenen Herzen?“

Dinge, die ich nicht aufgegeben habe,
Dinge, die ich jetzt loslassen muss.

„Der Herr braucht es.“
Bei diesen Worten
lege ich alles nieder.


Der Tag des Todesurteils am Kreuz

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Abbildung 17-4: Jesus vor Pilatus


An jenem Tag schwieg Er.
Er erhob seine Stimme nicht zur Verteidigung
und klagte nicht über das Unrecht.

Vor Pontius Pilatus,
der auf dem Sitz der Macht saß,
stand Er mit gebundenen Händen, still.
Der Herr des Himmels und der Erde
stand im Gerichtssaal der Menschen.

Es war keine Resignation.
Es war kein Schweigen aus Ohnmacht.
Dieses Schweigen war Gehorsam,
und dieser Gehorsam war Liebe.

„Nimm diesen Kelch von mir.“
Doch schließlich
trank Er selbst den bitteren Kelch.

Sein Fleisch wurde von Geißeln zerrissen,
seine Stirn von Dornen durchbohrt,
und Blut rann über sein Gesicht.

Dieses Leiden war kein Zufall.
Der Preis einer fremden Schuld
prägte sich in seinen Leib ein.

Ich kann vor dieser Szene nicht stehen.
Nein, ich kann nicht stehen bleiben.

Wenn sein Blick mein Innerstes durchdringt,
werden die Sünden, die ich verborgen hielt,
im Licht offenbar.

Ich kannte diese Liebe und wandte mich doch ab.
Ich empfing Vergebung und fiel erneut.

Doch Er ertrug meine Verstocktheit
mit langem Atem,
als warte Er schweigend
auf meine Umkehr.

Als ich erkannte,
dass sein Stehen vor Pilatus
Liebe zu mir war,
konnte ich nicht mehr stehen.

Meine Knie gaben nach.
Tränen fielen—
Tropfen um Tropfen.

Ihr Klang auf dem kalten Steinboden
traf mein Herz.

An jenem Tag
wurde das Todesurteil über Ihn gesprochen.
Doch derjenige, der wahrhaft hätte gerichtet werden müssen,
war ich.

Auf dem Weg der Fastenzeit
stehe ich wieder vor diesem Gericht
und frage:

Stehe ich noch immer in der Menge,
oder bin ich der kniende Jünger?

Das Kreuz ist
kein Hinrichtungswerkzeug vergangener Zeiten.
Es ist Liebe, die mich heute ruft.

Vor dieser Liebe
neige ich erneut mein Haupt.



Der auferstandene Herr, der als Fremder kommt

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Abbildung 17-5: Der auferstandene Christus


Nach seiner Auferstehung
erschien Jesus nicht
denen, die ihn verurteilt hatten.
Weder Pilatus noch Kaiphas sahen ihn.

Stattdessen kam er als Fremder –
als Gärtner zu Maria Magdalena,
als Reisender zu den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus,
als Fischer am Seeufer.

Und selbst jetzt noch
kommt er zu mir in unbekannten Gesichtern,
und flüstert:

„Ich liebe dich.
Ich habe deine Lasten gesehen,
und ich kenne deine Schwäche.
Dennoch werde ich dich niemals gehen lassen.“


Der Weg nach Emmaus

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Abbildung 17-6: Jesus geht mit den beiden Jüngern


Zwei Jünger verließen Jerusalem
in ihrer Verzweiflung.
Obwohl der auferstandene Herr mit ihnen ging,
erkannten sie ihn nicht.

Aber als er sprach,
begannen ihre Herzen zu brennen.

„Brannte nicht unser Herz in uns
als er mit uns auf dem Weg redete
und uns die Schriften öffnete?“
(Lukas 24,32)

Dieses Brennen war der Beginn des Lebens.
Sie erkannten ihn
als er das Brot brach.
Dann rannten sie zurück nach Jerusalem:

„Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!“

Die Verzweiflung war noch nicht vorbei –
sie war
zum Tor der Auferstehung.

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Abb. 17-7: Die beiden Jünger, die den Moment erlebten, in dem sie den auferstandenen Jesus erkannten.


Die Auferstehung Christi

Paulus schreibt im Römerbrief:
„Der Lohn der Sünde ist der Tod.“ (Römer 6,23)

Doch dabei bleibt er nicht stehen.
In einem anderen Brief öffnet er ein tieferes Geheimnis:
„Damit das Sterbliche vom Leben verschlungen werde.“
(2. Korinther 5,4)

Wenn wir der Schrift bis zu ihrem Ursprung folgen,
erkennen wir, dass der Mensch nicht mit dem Tod
als Voraussetzung geschaffen wurde.
Das Leben war von Anfang an mit Gott verbunden,
doch die Sünde zerriss diese Verbindung.
Der Tod trat als Folge davon hervor.

Darum ist der Tod im biblischen Sinn
nicht lediglich ein biologisches Ende,
sondern eine Trennung vom Leben.
Der Zustand von Adam und Eva vor dem Fall
war ein Sein in Gemeinschaft mit Gott,
der Quelle allen Lebens.

Die Auferstehung Christi
ist keine bloß passive Wiederherstellung,
bei der der Tod einfach verschwindet.
Sie ist ein kraftvolles Geschehen,
in dem ein stärkeres Leben—
das Leben Jesu, Zoë—
in uns einzieht
und die Macht des Todes überwältigt und verschlingt.

Wenn dieses Leben in uns wohnt,
bleibt unser Leib zwar sterblich,
doch unser Geist lebt bereits
aus der Auferstehungskraft Christi.
Wir sind nicht länger, was wir einst waren.
Wir sind eine neue Schöpfung.

Die alte Ordnung—
„der Lohn der Sünde ist der Tod“—
wird still, aber vollständig ersetzt
durch „das Gesetz des Geistes des Lebens
in Christus Jesus“ (Römer 8,2).

Das ewige Leben ist keine Frage der Länge der Zeit.
Es ist die Frage, wessen Leben wir leben—
eine Verwandlung unseres Seins.


Der Fluss des Todes vor mir

Nun stehe ich
am letzten Abschnitt des Weges des Pilgers.
Vor mir fließt der Fluss des Todes.
Doch ich fürchte mich nicht,
denn der Herr von Emmaus
geht auch jetzt an meiner Seite.

„Wenn der Geist dessen,
der Jesus von den Toten auferweckt hat,
in euch wohnt,
so wird derselbe,
der Christus auferweckt hat,
auch eure sterblichen Leiber lebendig machen.“
(Römer 8,11)

Der Tod ist nicht das Ende.
Er hat diesen Fluss bereits durchschritten,
und nun leben wir
in Ihm neu.

Im Vertrauen auf diesen Weg des Lebens
stehe ich am Ufer.
Und still
schließt sich der Vorhang dieser Pilgerschaft.




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