Frankfurt
Daniel kehrte nach Frankfurt zurück. Weder Heidelberg noch Frankfurt vermittelten ihm das Gefühl, vollkommen zu Hause angekommen zu sein. Egal wo er sich befand, Daniel fühlte sich wie ein Fremder. Er besaß zwar das Geld, um sich das schönste Haus der Welt zu kaufen, doch egal wie prachtvoll das Heim auch war, er hatte diesen Ort nie als sein wahres „Zuhause“ empfunden.
Der einzige Ort, an dem Daniel das Gefühl hatte, daheim zu sein, waren die Ausstellungsräume in den engen Gassen von Insadong, Seoul, in denen Werke namenloser Künstler gezeigt wurden. Wenn er unter dem Licht stand, das die Kunstwerke beleuchtete – geschaffen von Künstlern, die ihr gesamtes Dasein, ihr Ego und ihre Hoffnung in ihre Arbeit gegossen hatten –, fühlte er endlich: „Ich bin zu Hause.“ Vielleicht lag es daran, dass diese Räume die einzigen Orte waren, an denen seine Mutter sich ihrer eigenen Existenz sicher war und Glück empfunden hatte.
Daniels Wohnung in Frankfurt war ein hochmodernes Apartment in der Nähe der Alten Oper. Es war ideal als Unterkunft während der Arbeitsphasen, da er dort jeglichen Service beanspruchen und komplexe Angelegenheiten wie Reparaturen abgeben konnte. Wenn er das Apartment satt hatte, zog er sich in sein Haus mit Blick auf den Main in Sachsenhausen, am Rande von Frankfurt, zurück.
Doch um sich von den Strapazen der Reise zu erholen, kehrte er letztlich in das Apartment in der Innenstadt zurück. Er brauchte es, wenigstens ein paar Worte mit dem Hausmeister Markus zu wechseln, um das Gefühl zu haben, nach Hause zu kommen. Markus, der sein ganzes Leben lang als Hausmeister gearbeitet hatte, wechselte zwar nur bei Daniels Kommen und Gehen ein paar Worte mit ihm, doch für Daniel war er ein Freund, dem er wie einem Familienmitglied vertraute.
Als Daniel die Leitung des Unternehmens übernahm, war er fünfundzwanzig Jahre alt. Seit er damals dieses Apartment gemietet hatte, arbeitete Markus dort als Hausmeister. Auch jetzt, über zwanzig Jahre später, war Markus unverändert an seinem Platz und empfing Daniel wie ein Familienmitglied oder einen alten Freund.
Als Daniel die große Halle des Gebäudes betrat, begrüßte ihn Markus herzlich. „Guten Tag, Daniel. Aus welchem Land kommen Sie diesmal?“
„Ah, Markus. Ich war in Korea und bin auf dem Rückweg in Heidelberg vorbeigefahren, um meinen Vater zu besuchen. Wie geht es Ihnen? Ist die Familie gesund?“
„Aber ja. Daniel, hier hat es ununterbrochen Frühlingsregen gegeben. Wie war das Wetter in Heidelberg?“
Daniel lächelte und sagte:
„Dort war es genauso… es hat ständig geregnet.“
„Scheiße. Dieses Wetter… Wenn ich in Rente gehe, ziehe ich nach Spanien, wo die Sonne ununterbrochen scheint. Egal wo in Spanien, Hauptsache Sonne. Ich habe mir schon ein Grundstück ausgesucht. Ich werde dort ein kleines Haus bauen und mit meiner Frau meinen Lebensabend in der Sonne verbringen.“
Das Leben ist wirklich seltsam. Menschen, die als Familie geboren wurden, fühlen sich wie Fremde an, während der Hausmeister, der das Apartment bewacht, wie ein naher Verwandter erscheint. Der Ort, an dem man geboren wurde, wirkt wie ein fremdes Land, und ein unbekanntes, fremdes Land wird zur ersehnten Heimat. Wie ließe sich das erklären? Vielleicht mit dem buddhistischen Konzept von früherem Leben und Reinkarnation?
Daniel betrat sein Apartment, nahm eine lange Dusche und setzte sich anschließend nackt auf das Sofa im Wohnzimmer. Er trank eine Mischung aus Kirschsaft und Soda, die er aus dem Kühlschrank geholt hatte. Wenn er allein zu Hause war, liebte Daniel es, völlig unbekleidet zu sein. Im sonnenarmen Deutschland hatte er als Kind an schwerer Neurodermitis gelitten. Vielleicht lag es an der Erinnerung daran, wie seine Mutter ihn bei jedem noch so kleinen Sonnenstrahl nackt auf den Teppich auf der Terrasse des kleinen Apartments gelegt hatte. Auch jetzt, da die Neurodermitis geheilt war, fühlte er sich nur wohl, wenn er zu Hause alle Kleider abgelegt hatte.
Plötzlich tauchte Claras Gesicht in seinem Kopf auf. Eine Wissenschaftlerin mit mandelförmigen Augen wie eine Asiatin und klaren, smaragdgrünen Augen wie frische Sprösslinge. Er dachte an ihr geheimnisvolles, schönes Gesicht, dessen ethnische Herkunft schwer zu bestimmen war – hellbraunes Haar mit der kräftigen, glatten Struktur asiatischen Haares. Eine Amerikanerin mit einer koreanischen Großmutter, einem japanischen Großvater und einem irischen Vater. Eine seltsame Frau, von der es hieß, sie könne die Zukunft sehen und die Temperatur von Objekten kontrollieren.
Bei der Erinnerung daran, wie sich das kalte Wasserglas in ihrer Gegenwart erwärmt hatte, spielte er gedankenverloren mit seinem Kirschsaftglas. Im Wohnzimmer waren die Skulpturen seiner Mutter, ihr Nachlass, zusammen mit einer speziellen Beleuchtung ausgestellt. Beim Anblick dieser Mädchengesichter dachte er an das Gesicht der Kuratorin Yuriko, die er in Insadong getroffen hatte.
„Dass ich die Enkelin meiner Mutter ausgerechnet in Insadong treffen musste…“
In jeder Skulptur seiner Mutter schien Yurikos Gesicht verborgen zu sein. Daniel betrachtete diese Mädchenstatuen, die die traurige Vergangenheit seiner Mutter in sich trugen, und fragte sich, warum Kriege als Tragödien in der gesamten Menschheitsgeschichte existieren mussten. Er erkannte, dass der Hintergrund dafür, dass Menschen wie er oder Clara – in denen alle Rassen und Nationalitäten vermischt waren – geboren werden konnten, eben jene historische Tragödie des Koreakrieges war. Er begann über die gewaltige Überlebenskraft nachzudenken, die aus dem „Chaos“ entstehen kann.
Er fragte sich, wie viele Babys auf dieser Welt unter vollkommenen und unversehrten Bedingungen geboren wurden. Er war plötzlich neugierig, wie viel Prozent der Menschheit eigentlich unter „normalen“ Bedingungen – also in einer gesunden Familie mit Mutter und Vater gesegnet – geboren werden und ein normales, glückliches Leben führen. Wer waren die Menschen, die mit normalen Eltern, in einem normalen Umfeld, mit normalen Geschwistern, einem normalen Beruf und normalen menschlichen Beziehungen lebten? Er fragte sich, wie hoch ihr Anteil auf dieser Erde war, während er zum Kühlschrank ging, sich erneut kalten Kirschsaft in ein Glas goss und einen Schluck trank.
Daniels Gedanken wanderten wieder zu dem zerrissenen abstrakten Gemälde. Er erinnerte sich an die Leinwand jenes Porträts, die horizontal aufgeschlitzt war und wie der Urknall des Universums oder die Welt der Atome unter einem Mikroskop wirkte. Er dachte über die Absicht der Kuratorin nach, die das beschädigte Bild einfach so aufgehängt hatte. Und er dachte an sein eigenes Verlangen, diese beschädigte Abstraktion unbedingt besitzen zu wollen.
Die Welt der Kunst ist ein Ort, an dem potenzielle Energien leben, die das „Verlangen“ wecken. Menschen, denen ein unbekannter Geheimcode im Kopf eingepflanzt wurde, sodass sie wie unter Hypnose Kunstwerke erschaffen, aus der sie nicht mehr entkommen können. Kuratoren, die aufgrund dieses Codes unter Hypnose jene Bilder auswählen und ausstellen, und Sammler, die unter derselben Hypnose diese Bilder um jeden Preis besitzen wollen. So wie ein Verliebter mit klopfendem Herzen fühlt, dass das Leben ohne diesen Menschen keinen Sinn hätte, besitzen Kunstwerke diesen seltsamen Geheimcode und diese Hypnosekraft.
Daniels Gedanken kehrten erneut zu Claras Gesicht zurück. In diesem Moment fühlte er, wie ein Duft nach frischen Pfirsichen aus seinem Hals emporstieg. Plötzlich begann sein Herz schneller zu schlagen bei dem Gedanken, ob er vielleicht unter Claras Zauber stünde. Doch dann kehrte er in die Welt der „Logik“ zurück. „Das muss der Duft des Kirschsaftes sein“, dachte er.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Es war ein Anruf aus New York. Daniel stellte das Glas auf den Tisch und nahm ab. „Guten Tag, hier ist Clara. Sind Sie gut in Deutschland angekommen? Ich bin zurück in New York. Ich habe Ihnen die Vertragsbedingungen geschickt. Bitte lesen Sie sie durch und geben Sie mir Bescheid.“
Daniel antwortete erschrocken, wie ein Kind, das beim heimlichen Stehlen erwischt wurde. „Ah, ja… ich bin gerade erst in meiner Wohnung in Frankfurt angekommen.“ „Oh… dann sollten Sie sich ausruhen. Ich sage es ganz kurz.“
Als Claras helle Stimme durch das Telefon klang, hatte er das Gefühl, als würde das Licht im Zimmer plötzlich heller werden. Und der Pfirsichduft, den er vor dem Klingeln gespürt hatte, berührte seine Nase und seinen Hals nun noch intensiver. Bei Claras Stimme, die voller frischer Lebenskraft aus dem Telefon drang, spürte Daniel unwillkürlich ein sexuelles Verlangen. Da er nicht wusste, was er auf den plötzlichen Anruf sagen sollte, fing er an, über das Wetter zu sprechen.
„Hier regnet es fast ununterbrochen.“
„In New York ist das Wetter weiterhin herrlich. Kommen Sie doch nach New York, um den Vertrag konkret abzuschließen und sich ernsthaft nach einem Büro hier umzusehen.“
Daniel antwortete wie ein Schüler, der seinem Lehrer antwortet:
„Ja, ich werde mir den Vertrag ansehen und Ihnen so schnell wie möglich antworten.“
Nach einer kurzen Pause sagte Clara: „Gewöhnen Sie es sich an, warme Getränke zu trinken. Die gesamte Menschheit wird bald von einem unbekannten Virus getroffen werden. Wir müssen fusionieren und so schnell wie möglich neue Immunstoffe auf den Markt bringen.“
Bei Claras Worten, die erneut wie aus einem Science-Fiction-Roman klangen, entspannte sich Daniel etwas. Gleichzeitig empfand er es als etwas befremdlich und seltsam, dass eine Frau mit einem Doktortitel vom MIT wie eine Wahrsagerin sprach. „Ah… ja. Ich melde mich nach der Sichtung der E-Mail wieder.“
Er antwortete nur kurz. Am anderen Ende der Leitung war nur noch Claras leises Atmen zu hören. Daniel spürte, dass er durch ihr Atmen erregt wurde. Es war ihm peinlich, allein durch eine Stimme am Telefon eine solche Erregung zu spüren. Clara verabschiedete sich und legte auf.
„Ich erwarte Ihre baldige Rückmeldung.“
Daniel schaltete langsam das Telefon aus und zog seinen Bademantel an, der auf dem Sofa gelegen hatte. Als er das Glas nahm, um den restlichen Kirschsaft auszutrinken, ließ er es in einem Moment unbewusster Bestürzung fallen. Das Kirschsaftglas war warm geworden, und vor Schreck begann sein Herz heftig zu klopfen. Daniel stand auf und sah sich in der Wohnung um, als ob Clara vielleicht doch im Zimmer wäre.
Dann kehrte er wieder zu seinen „logischen“ Gedanken zurück.
‘Die Temperatur in meinem Apartment beträgt 27 Grad. Der Kirschsaft ist nur wegen der Heizungsluft warm geworden.’
Daniel hob vorsichtig die Glasscherben vom Boden auf und wischte den verschütteten Kirschsaft mit Küchentüchern auf. Der Saft, der eigentlich aus dem Kühlschrank gekommen war, sickerte in das Küchentuch und fühlte sich an seinen Händen warm an.
„Das ist unmöglich. Werde ich wahnsinnig? Ist mein Temperatursinn gestört?“
Daniel warf die Küchentücher vorsichtig in den Abfalleimer, drehte den Hahn auf und wusch sich die Hände erst mit kaltem, dann mit immer heißerem Wasser. Er testete seinen Temperatursinn, indem er das Wasser mal kälter, mal heißer stellte.
Er dachte an den Nobelpreis für Medizin aus dem Jahr 2017, den Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young für die Entdeckung der molekularen Mechanismen zur Kontrolle des zirkadianen Rhythmus (der inneren Uhr) erhalten hatten. Die Theorie besagt, dass alle Lebewesen an den Rotationszyklus der Erde (24 Stunden) angepasst sind und dass spezifische Gene steuern, wie Proteine in Zellen produziert oder gehemmt werden, um diese „innere Uhr“ zu betreiben.
Daniel versuchte, seine aufgewühlten Gefühle mit wissenschaftlicher Logik zu beruhigen: „Vielleicht ist es eine biologische Anomalie aufgrund des Jetlags zwischen Seoul und Europa…“ Die Nobelpreisträger von 2017 hatten bewiesen, dass der menschliche Körper eine präzise Uhr mit einem 24-Stunden-Rhythmus besitzt. Doch Daniel hatte das Gefühl, seine eigene innere Uhr sei wie eine kaputte Maschine irgendwo zwischen Insadong in Seoul und Frankfurt am Main stehen geblieben.